Gesundheitspolitik

MedInform-Konferenz zum Wachstumsmarkt „Gesundheitswirtschaft“: Mehr Kooperation, mehr Flexibilität, mehr Patientenverantwortung

04.05.2005 - 33/05

Berlin. Die Gesundheitswirtschaft hat in Deutschland große Wachstumspotentiale, wenn die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet werden, um die innovativen Kräfte der Branche freizusetzen. Diese Ansicht vertraten Experten der MedInform-Konferenz „Gesundheitswirtschaft - Innovative Medizintechnologien als Motor des Wachstumsmarktes Gesundheit“ am 3. Mai 2005 in Berlin. Innovationen müssten dabei keine Kostentreiber sein. „Sie können auch Wirtschaftlichkeitsreserven heben, wenn sie in das richtige gesundheitspolitische Umfeld fallen“, so Prof. Dr. Marc O. Schurr von der Steinbeis Hochschule Berlin. MedInform ist der Informations- und Seminarservice des BVMed.



Gesundheits-Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder sieht eine gute Grundlage für die Innovationsfreundlichkeit im Gesundheitswesen. Es werde im Krankenhausbereich weiterhin möglich sein, Innovationen einzusetzen, ohne dass sie generell zugelassen sind. Die Verfahrensordnung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) werde in diesem Bereich kritisch überprüft, sagte er auf der MedInform-Konferenz. Ebenso sollte über eine bessere Beteiligung der Industrie am G-BA nachgedacht werden, um Nachfragen bei den Sitzungen zu ermöglichen. Mehr Kooperation und ein offener Dialog: Das waren auch die Forderungen der Unternehmen der Medizintechnologie auf der Konferenz. „Die Unternehmen sind wichtige Partner für Innovationen und müssen an den Weiterentwicklungsprozessen beteiligt werden“, so Fred A. Colen, CTO von Boston Scientific. Vertreter von Wissenschaft, Kliniken, Krankenkassen und Industrie präsentierten ihre Vorstellungen und Visionen über die Ausgestaltung der Herausforderung des Gesundheitsmarktes der Zukunft. Ein wichtiger Aspekt bei allen Experten: Die Patientenverantwortung muss gestärkt werden – durch mehr Transparenz und Informationen, aber auch durch optionale Finanzierungsmodelle.

Prof. Dr. Marc O. Schurr, Geschäftsführer der Beratungsfirma Novineon Healthcare Technology Partners GmbH sowie Direktor des „Institute of Healthcare Industries“ (IHCI) der Steinbeis Hochschule Berlin, sprach sich für gesundheitspolitische Rahmenbedingungen aus, die Qualitätssteigerung und Wirtschaftlichkeit durch innovative Medizintechnologien ermöglichen. Das deutsche Versicherungssystem bewege sich in einer Zwickmühle zwischen einem verstaatlichten System und einem staatlich moderierten Marktsystem, das Schurr die „soziale Gesundheitsmarktwirtschaft“ nennt. Beide Richtungen seien derzeit politisch möglich. Die fehlende Langzeitstabilität der politischen Rahmenbedingungen sei eine große Herausforderung für die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft. Schurr betonte, dass Innovationen in der Medizintechnologie Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der Patientenversorgung haben. An der richtigen Stelle eingesetzt, wirke innovative Medizintechnologie qualitätssteigernd und kostensenkend. „Bei systematischem Bewertungsansatz können erhebliche Einsparpotentiale durch den gezielten Einsatz innovativer Technologien realisiert werden. Dazu muss aber ein Umfeld geschaffen werden, das Innovation für den Patienten aktiv fördert.“ Wichtig sei die stärkere Einbeziehung der Patienten auf der Grundlage selbstgewählter Zuzahlungen. Schurr: „Die Gesundheitspolitiker dürfen sich trauen, dieses Instrumentarium anzuwenden.“

Nach Ansicht von Christian Weber, Geschäftsführer des Privaten Krankenversicherungsverbandes in Köln, müsse der medizintechnische Fortschritt für alle gelten. Das Alter dürfe keine Leistungsausschlüsse bedingen. Und die Menschen dürften wegen Krankheit nicht finanziell überfordert werden. „Wir brauchen deshalb eine mutige Weiterentwicklung des Status Quo, die den demographischen Wandel, die Abhängigkeit der Löhne von der GKV-Ausgaben¬entwicklung und die Konsequenzen aus dem medizintechnischen Fortschritt bewältigt.“ Dabei gebe es zur Neudefinierung des GKV-Leistungskatalogs keine Alternative. Leistungen wie Krankengeld, Zahnversorgung oder private Unfälle müssten herausgenommen und in ein kapitalgedecktes System überführt werden. Hinzu komme, dass die Eigenverantwortung der Versicherten gestärkt werden müsse, z. B. durch Zusatzversicherungen.

BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt bezeichnete angesichts des medizintechnischen Fortschritts die Bewertung und Finanzierung der Innovationen als große Herausforderung. Als Lösungsansatz schlug er eine Finanzierung von Innovationen aus einer Kombination von Kostenerstattung und Eigenleistung des Patienten über eine Differenzzahlung vor. Die Kosten des Basisnutzens der Innovation würden dabei in Höhe der Kosten des anerkannten, herkömmlichen Verfahrens von der GKV übernommen werden. Der Mehrnutzen werde über eine Eigenleistung des Patienten bezahlt. Schmitt: „Dieses Differenzzahlungs-Modell könnte zeitbefristet und in ausgewählten Bereichen der Medizintechnologie eingeführt werden.“ Dies sei aus Sicht des BVMed ein zielführender Lösungsansatz für eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen und mehr Eigenverantwortung. Das Modell biete folgende Vorteile: Innovationen werden nicht aufgehalten bzw. gehemmt; schnellere und bessere Evaluierung; degressive Stückkostenentwicklung durch vorzeitige Serienfertigung. Jeder Patient habe bei diesem optionalen Modell sofort freien Zugang zur Innovation.

Dr. Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, betonte das hohe Niveau der medizintechnischen Versorgung in Deutschland. Gerade die Medizintechnologiebranche habe eine hohe Innovationskraft und -kompetenz. Bei der Einführung von Innovationen in das System sei die neue Verfahrensordnung des G-BA von besonderer Bedeutung.
Dr. Schröder: „Wir werden das genau prüfen. Es muss weiterhin möglich sein, in deutschen Kliniken Innovationen einzusetzen, ohne dass sie generell zugelassen sind. Dazu gehören auch Öffnungsklauseln im DRG-System zur Finanzierung dieser Innovationen“. Damit habe man eine gute Grundlage für die weitere Innovationsfreundlichkeit im Gesundheitswesen. Zum Vorschlag des BVMed, eine Differenzzahlung für Innovationen einzuführen, bemerkte Staatssekretär Dr. Schröder, dass dies kein ungewöhnliches Instrumentarium sei, das man sich im Einzelfall aber sehr genau anschauen müsse. Ähnliche Instrumentarien gebe es mit den Festbeträgen für Arznei- und Hilfsmittel sowie beim Zahnersatz.

Fred A. Colen, Chief Technology Officer von Boston Scientific, beleuchtete den deutschen Gesundheitsmarkt aus Sicht eines US-Unternehmens. Vorteile des deutschen Marktes seien die ausgeprägte Wissensgesellschaft mit guten Universitäten sowie führende Klinken, mit denen die Unternehmen klinische Studien durchführen können. Im Bereich der Medizintechnologien ist Deutschland ein extrem wettbewerbsintensiver Markt. Beispiel Stents: in Deutschland gebe es die meisten Anbieter und die niedrigsten Preise weltweit. Am Beispiel der Medikament-freisetzenden Stents machte Colen aber auch die Probleme des deutschen Marktes deutlich. Innovationen würden in Deutschland zu langsam eingeführt werden. Dies liege an den mangelhaften Erstattungssystemen. So sei die „Durchdringungsrate“ der neuen Stent-Generation in Deutschland nur 17 Prozent, während das neue Produkt in anderen Staaten Europas und in den USA bereits Standard sei. Kritisch vermerkt Colen auch, dass die stolz vermeldeten Einsparungen der Krankenkassen zu Lasten der Qualität der medizinischen Versorgung gehen. Für die Zukunft ist Colen dennoch optimistisch. Medizintechnologien bleiben ein Wachstumsmarkt. „Wir brauchen dann aber auch in Deutschland flexiblere Finanzierungsmodelle, die den Patienten, die die innovativste Medizintechnologie haben möchten, eine private Zuzahlung ermöglicht“, so Colen.

Thesen zur Zukunft des Klinikeinkaufs formulierte Adelheid Jakobs-Schäfer, Leiterin Konzerneinkauf der HELIOS-Kliniken. Krankenhäuser und Industrie müssten gemeinsam innovative Wege bei der Beschaffung gehen, um die Veränderungen zu managen. Zu den Veränderungen gehören verschärfte finanzielle Rahmenbedingungen, die demografische Entwicklung mit wachsenden Fallzahlen bei gleichzeitig wachsenden Erwartungen an die Medizin. Der Klinikeinkauf befinde sich dadurch in einer Umbruchphase. Damit verbunden ist ein Paradigmenwechsel hinsichtlich der Geschäftsbeziehung und der Zusammenarbeit. „Krankenhäuser und Industrie sind Geschäftspartner beim Klinikeinkauf“, so Jakobs-Schäfer. Ziel des strategischen Einkaufs bei HELIOS sei es, Qualität bei gleichzeitiger Kosteneinsparung zu erreichen. Dies geschehe beispielsweise durch bedarfsgerechte Standardisierung sowie Konzentration des Beschaffungsvolumens. Von den Lieferanten erwarte man Transparenz. „Wir brauchen einen dienstleistungsbereinigten Preis für die Sachleistung.“ Ein weiterer Aspekt: Um eine effiziente Beschaffung zu realisieren, müssen die klinikinternen Strukturen optimiert und die Geschäftspartner tiefer als bisher in den Beschaffungsprozess integriert werden.

„Es gibt eine Chance, Markenmedizin anzubieten“, lautete die Botschaft von Prof. Heinz Lohmann, Berater der Gesundheitswirtschaft aus Hamburg und langjähriger LBK-Vorstandsvorsitzender. Die Zukunft gehöre Leistungspaketen. Mit den strategischen Partnerschaften auf Leistungsanbieterseite müsse dabei jetzt begonnen werden. Dienstleister und Industrie sind dabei herausgefordert, gemeinsame Lösungen für die Patienten zu entwickeln. Lohmanns Vision: „Die Partner der Gesundheitswirtschaft aus Dienstleistung und Industrie entwickeln gemeinsam ‚Markenmedizin’, die auf der Basis von Leistungsverträgen mit Krankenkassen in verschiedenen Regionen vermarktet wird.“ Für die Krankenkassenseite müsse das Prinzip des „einheitlich und gemeinsam“ durch ein Vertragssystem zwischen Anbietern und Nachfragern ersetzt werden. Die reformierte „Integrierte Versorgung“ sei dabei das Instrument zur Öffnung des Gesundheitssystems in Richtung Vertragssystem. Innovative Gesundheitsanbieter kontrahieren dann mit modernen Krankenkassen medizinische Leistungspakete.

Medizintechnischer Fortschritt sei eigentlich ein Segen, sagte Ralf Sjuts, Vorstandsvorsitzender der Deutschen BKK in Wolfsburg. Er führe aber zu höheren Ausgaben durch steigende Fallzahlen. Deshalb sei eine grundlegende Modernisierung der GKV zwingend notwendig. Wichtige Aspekte seien: Stärkung der Eigenverantwortung der Patienten; Verlagerung einzelner Leistungsbereiche in das Kapitaldeckungsverfahren; echter Wettbewerb auf dem Gesundheitsmarkt; Umsetzung des „Vertragsprinzips“. Die Deutsche BKK setzt dabei auf Attraktivitätssteigerung durch exzellenten Service und innovative Tarife und Produkte. So führe man beispielsweise einen Einkaufsgutschein ein, wenn eine definierte Serviceleistung nicht erbracht wurde. Bei den Tarifen belohne man künftig gesundheitsbewusstes Verhalten mit einem Geld-Bonus sowie der Möglichkeit einer Beitragsrückgewähr. Sjuts sieht auch weitere Kooperationspotenziale zwischen GKV und PKV beispielsweise bei Zusatzversicherungen: „Wir wollen neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der PKV.“

Ein „Höchstmaß an empirischer, datengestützter Transparenz“ bei der Weiterentwicklung des Gesundheitssystems forderte Prof. Dr. Friedrich W. Schwartz, Direktor der Abteilung Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung der Medizinischen Hochschule Hannover. Dazu gehöre insbesondere eine projekt- und systembezogene Versorgungsforschung. Die gewonnenen Daten müssten allen Gruppen zur Verfügung stehen, auch den Patienten. Wichtig sei, das Effizienzgebot in den Mittelpunkt des Handelns zu rücken. „Ein solches medizinisch und organisatorisch fitteres Deutschland könnte sich mit seinem jetzigen Ausgabenniveau einschließlich einer maßvollen demographischen Reserve ein hervorragendes und innereuropäisch wettbewerbsfähiges Gesundheitswesen leisten“, so Professor Schwartz.

Moderiert wurde die Konferenz von Margarete Heckel, Ressortleiterin Politik & Wirtschaft und Leiterin des Berliner Büros der Financial Times Deutschland, Berlin.

Hinweis an die Medien: Digitale Bilder zur Veranstaltung können im Internet unter www.bvmed.de (Bilder - Veranstaltungen) abgerufen werden. 300-dpi-Bilder können bei der BVMed-Pressestelle (Mail an beeres@bvmed.de) angefordert werden.


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