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Patientengeschichten
Mark Wnendt
Mark Wnendts Beschwerden stellten seine Ärzte wochenlang vor Rätsel: Gleich morgens nach dem Aufstehen klagte der Neunjährige aus Plettenberg im Sauerland über quälenden Schwindel. Immer häufiger musste er erbrechen, oft mehrmals täglich. Doch weder Blutuntersuchungen noch Magenspiegelungen verhalfen zur Diagnose. Erst als der sportliche Schüler beim Schwimmen die Orientierung verlor und an Land gegen einen Pfeiler lief, wurde eine Computertomographie seines Gehirns veranlasst.
Marks Vater erinnert sich an
den schockierenden Befund:
"Mitten in seinem Schädelchen
leuchtete in der CT-Aufnahme
dieser riesige weiße Fleck."
Eine fast vier Zentimeter
große Blutblase (Aneurysma)
hatte tief in Marks Gehirn die Gleichgewichtsnerven abge-
quetscht und drohte jederzeit zu platzen - mit lebensbe-
drohlichen Folgen.
Gefäßaussackungen im Gehirn kommen bei jedem Zwanzigsten in Deutschland vor - meist ohne dass die Patienten davon wissen. Platzen solche Aneurysmen, kommt es zu schweren Schlaganfällen. Ein Drittel davon führt unmittelbar zum Tod. Ein weiteres Drittel hinterlässt auch bei Intensivtherapie lebenslange Behinderungen.
Jetzt verhilft eine groß angelegte Studie einer modernen Therapieoption zum Durchbruch. Damit es erst gar nicht zu Blutungen aus Aneurysmen kommt oder deren Schaden wenigstens begrenzt wird, stopfen Neuroradiologen die Gefäßaussackung im Gehirn mit Platinfäden aus. Diese führen sie in der Leiste des Patienten in dessen Schlagadersystem ein. Die Methode wurde erst vor sechs Jahren in Deutschland eingeführt und heißt Coiling (englisch für aufwickeln).
Zu den Pionieren der Methode in Deutschland zählt Michael Forsting. Der Leiter der Abteilung für Neuroradiologie an der Uni Essen erklärt: "Coiling ist ein vergleichsweise schonendes Verfahren, weil es ohne Öffnung des Schädels auskommt." In einer groß angelegten internationalen Untersuchung an 2.100 Aneurysmapatienten in vielen internationalen Zentren habe es sich als risikoärmer erwiesen als die herkömmliche offene Schädeloperation. Der Vorteil des Coiling sei bei ausgewählten Patienten so deutlich gewesen, dass der Studienleiter Andrew Molyneux von der Oxford-Universität die Untersuchung vorzeitig beendete. Er hielt es für unethisch, Patienten, die dafür in Frage kamen, die sanftere Methode vorzuenthalten.
Bei Mark Wnendt lag das Aneurysma so tief in der hinteren Schädelgrube, dass ein offenes Vordringen durch das Gehirngewebe große Schäden verursacht hätte und nur Coiling Rettung verhieß. An seine Leidensgeschichte denkt der Junge heute nur noch, wenn er zu Nachkontrollen ins Klinikum Essen fährt.
Quelle: FOCUS vom 8. September 2003
Autor: Regina Albers



